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Rückblick

2017
  •  Foto von vier Leiderer Kriegern in: Unsere Jäger, Aschaffenburg 1936, Seite 129 (SSAA, Landeskundliche Bibliothek Ae 24)

    Foto von vier Leiderer Kriegern in: Unsere Jäger, Aschaffenburg 1936, Seite 129 (SSAA, Landeskundliche Bibliothek Ae 24)

    Schlaglicht Dezember 2017

    Von der schönen blaue Donau und den drei Leiderer Kriegern

    In einem zehnseitigen Brief an seine „lieben, besorgten Eltern“ beschreibt der Zugführer Georg den Einsatz seiner Einheit – der 3. Kompanie des 2. Jägerbataillons – im serbischen Feldzug zwischen Oktober und Dezember 1915.

    Der Brief beginnt mit der Ankunft südwestlichen Rumänien und der Donau­überquerung bei Baziaș im Verband der Heeresgruppe Mackensen bzw. der 11. Armee unter der Führung des preußischen Generals Max von Gallwitz. Er vermittelt die Wahrnehmung der Landschaft und der fremden Kultur des Balkans. Nicht allein Regen und Schlamm, aufgeweichte Straßen, Kälte und Hunger prägen die folgenden Wochen, die mit verschiedenen Einsätzen im unwegsamen Gebirge verbunden sind. Besonders erwähnt wird immer wieder die gegenseitige Fürsorge der Kameraden: „Wir halten zusammen, wir drei Leiderer Krieger, was der eine nicht hat, hat der andere.

    Das Schriftstück entdeckte der Aschaffenburger Mario Schwind im vergangenen Sommer auf einem Flohmarkt. Gemeinsam mit Chris Boonzaier, der an einer Internetseite über den Ersten Weltkrieg mitwirkt (www.kaiserscross.com), recherchierte er die Zusammenhänge, jedoch ist es den beiden bestens mit der Geschichte des 2. Jägerbataillons und dem Ersten Weltkrieg vertrauten Hobbyhistorikern bisher nicht gelungen, die Identität des Schreibers eindeutig festzustellen.

  •  Urkunde zur Verleihung des König-Ludwig-Kreuzes an Korbinian Galm im November 1917

    Urkunde zur Verleihung des König-Ludwig-Kreuzes an Korbinian Galm im November 1917 (SSAA, PGS 129)

    Schlaglicht November 1917

    Verleihung des König-Ludwigs-Kreuz

    König Ludwig III. hatte an seinem Geburtstag, nämlich am 7. Januar 1916, „aus Anlaß des gegenwärtigen Krieges“ das Königlich Bayerische König-Ludwig-Kreuz gestiftet, und zwar „als Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung für solche Personen“, die sich während des Kriegs durch dienstliche oder freiwillige Tätigkeit in der Heimat besondere Verdienste um das Heer oder um die allgemeine Wohlfahrt des Landes erworben haben.

    Eine im Stadtarchiv verwahrte Urkunde dokumentiert die Verleihung eines solchen Ordens an den Magistratssekretär Korbinian Galm im November 1917. Der knapp dreißigjährige Familienvater war mehrfach vom Militärdienst zurückgestellt worden, weil der für die städtische Verwaltung „zur Aufrechterhaltung eines nur einigermaßen geordneten Dienstes sehr schwer zu entbehren“ sei, wie Oberbürgermeister Matt 1916 formuliert hatte.

    Die Anerkennung „nicht-militärischen“ Engagements war umso wichtiger, je mehr die der Kriegsführung geschuldeten Einschränkungen das tägliche Leben erschwerten. Die lokalen Zeitungen berichteten regelmäßig über die Ordensverleihungen, wie auch am 17. Dezember 1917 über die zurückliegenden Auszeichnungen u.a. an Korbinian Galm gemeldet wurde.

    In den Sammlungsbeständen  befindet sich ein Exemplar des eher bescheiden wirkenden Ordens: Ein ovales Mittelschild mit einem geprägten Porträt Ludwig III. ist zwischen glatten und an den Enden leicht gewölbten Kreuzarmen platziert, die Rückseite ziert das bayerische Rautenmuster mit dem Stiftungsdatum 7.1.1916.

  •  Motivseite einer Postkarte: Luftkampf über den Vogesen, 1916

    Motivseite einer Postkarte: Luftkampf über den Vogesen, 1916

    Schlaglicht Oktober 1917

    Fliegergefahr!

    Luftschiffe und Flugzeuge kamen als neuzeitliche Kampfmittel im Ersten Weltkrieg erstmals zum Einsatz und wurden einerseits zur Luftaufklärung verwendet, dienten andererseits aber auch zur strategischen Bombardierung feindlicher Städte. Die Deutsche Fliegertruppe verstärkte ihre Angriffe auf England ab 1916 mit dem Einsatz von Spreng- und Brandbomben und richtete dort großen Schaden an.

    Von Hugo Häusner, dem späteren Rechtsrat und Bürgermeister Aschaffenburgs, sind mehrere Briefe überliefert, in denen er seinen Einsatz als Flieger beschreibt. Auch Josef Bachmann war bei der Bayerischen Fliegerabteilung eingesetzt und er schrieb im Oktober 1917 an seine Schwester Margarete, die in Aschaffenburg lebte: „Schon 3 Wochen haben [wir] dauernd Regen und Sturm. Das Hochwasser der Maas hatte uns so bitter zugesetzt, daß wir unsre Flugzeuge aus dem Wasser ziehen mußten. Aber auf dem Berge, wo wie uns jetzt befinden, riß uns der Sturm mehrere Zelte nieder, u[nd] nur mit Mühe konnten wir unsere Flugzeuge retten. Jetzt geht für uns überhaupt eine schwere Zeit an, Kälte und Sturm sind zwei gefürchtete Dinge.

    1917 stieg die französische und britische Produktion von Flugzeugen sprunghaft an, so dass auch in Aschaffenburg – weit hinter der Westfront – die Gefahr von Fliegerangriffen zunahm. Über Frankfurt / Main warf im August ein feindlicher Flieger mehrere Bomben ab, dort gab es Tote und Schwerverletzte. Im September 1917 veröffentlichte das Stellvertretende Generalkommando Würzburg in der Aschaffenburger Zeitung eine Anordnung zur „Verdunkelung wegen Fliegergefahr“ und der Stadtmagistrat diskutierte in seiner Sitzung am 19. Oktober 1917 über Maßnahmen, wie man die Besucher des Theaters im Falle eines Angriffs sinnvoll schützen könne – möglicherweise infolge eines Bombenabwurfs auf die Bahnstrecke zwischen Goldbach und Aschaffenburgs zu Beginn des Monats.

  •  Leserbrief in der Aschaffenburger Zeitung am 31. Juli 1917

    Leserbrief in der Aschaffenburger Zeitung am 31. Juli 1917

    Schlaglicht September 1917

    Ungeleerte Abortgruben

    Nachdem bereits im Juli 1917 erste Leserbriefe in der „Aschaffen­burger Zeitung“ erschienen waren, in denen auf eine besorgniser­regende Entwicklung hingewiesen wurde, kam es Ende August 1917 in der Sitzung des Stadtmagistrats zu einer Aussprache über die mangelnde „Entleerung der Abortgruben“. Große Sorge berei­tete die Tatsache, dass überlaufende Fäkalien oftmals auch „Kel­lervorräte – also Lebensmittelvorräte – in Mitleidenschaft“ zogen.

    Nach der in Aschaffenburg geltenden Vorschrift von 1903 war „die Einleitung menschlicher und tierischer Exkremente (...) in die städtischen Kanäle (...) verboten.“ Die Abort- und Dunggruben mussten regelmäßig durch eine „Latrinenreinigung“ geleert werden, die dafür Pumpen und Schläuche mit Lederdichtungen einsetzte. Leder unterlag jedoch neben vielen anderen Rohstoffen der Bewirt­schaftung durch die Heeresverwaltung des Deutschen Reichs.

    Die übervollen Abortgruben führte der Magistrat zunächst auf „den Mangel von Fuhrwerken, Pferden und Arbeitskräften“ zurück. Ein Schreiben der Stadtverwaltung an die „Riemenfreigabestelle“ in Berlin schildert den Notstand in der etwa 30 000 Einwohner zäh­lenden Stadt:

    In letzter Zeit entstehen in der Abfuhr große Schwierigkeiten und dürften dieselben auch viel darauf zurückzuführen sein, daß die Verdichtungen für Zusammensetzen der einzelnen Schläuche fehlen. Die Maschine kann z. Zt. ein Faß nur zur Hälfte voll bringen, da durch die Öffnungen zu viel Luft eingesaugt wird. Die Latrine selbst dringt durch diese Öffnungen durch und es entsteht in den Anwesen ein nicht angenehmer Geruch was auch leicht Krank­heiten hervorrufen kann. Hier muß unbedingt Abhilfe geschaffen werden. Wir ersuchen deshalb dringend uns 15 Lederringe freizu­geben und zuzusenden.

  •  Kohletransport und -verladung im Leiderer Hafen, um 1930 (SSAA, Fotosammlung)

    Kohletransport und -verladung im Leiderer Hafen, um 1930 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht August 1917

    Kohlemangel, Gassperre und Einmachzucker

    Die Einschränkungen im täglichen Leben der Aschaffenburger Bevölkerung traten zu Beginn des vierten Kriegsjahrs immer stärker zu Tage und hatten lange Beratungen während der Sitzungen des Stadtmagistrats und seinen Ausschüssen zur Folge: Aufgrund des Kohlemangels konnten keine ausreichenden Mengen Gas erzeugt werden. Zahlreiche Haushalte waren zum Kochen jedoch auf die Gasversorgung angewiesen und gegen die im Juli beschlossene stundenweisen Gassperren gab es heftige Beschwerden. Stadtrat Oestreicher wies auf die schwierige Lage hin, nämlich dass auf der einen Seite das Einkochen propagiert werde, auf der anderen Seite aber die Kochgelegenheit eingeschränkt würde. Hinzu kam die Rationierung von Zucker, die schon seit 1915 bestand. In der örtlichen Presse wurde u.a. für Rezepte nach „neuzeitlichen Grundsätzen“ geworben, die beim Einmachen von Obst und Gemüse helfen sollten.

    Ein „militärischer Mitarbeiter“ der Aschaffenburger Zeitung beendete seinen Rückblick auf das dritte Kriegsjahr mit der Bemerkung: „Die Fabel von den amerikanischen Massen-Truppen-Transporten (…) dürfte nicht ernst zu nehmen sein. Die amerikanischen Söldnertruppen, die mühsam über den großen Teich hierher transportiert werden müssen, werden, so weit sie überhaupt hier ankommen, keinesfalls den Krieg entscheiden. Den Krieg werden einzig und allein die deutschen Waffen entscheiden, und die sind am Beginn des vierten Kriegsjahres noch eben so blank und scharf wie am 1. August 1914.“ Und zu diesen Waffen erklärte man im übertragenen Sinn auch Sparsamkeit und Selbstbeschränkung der Zivilbevölkerung.

  •  Gruppenbild Kranker und Genesender des Lazaratts im Innenhof des Schönborner Hofs, um 1914 (SSAA, Fotosammlung)

    Gruppenbild Kranker und Genesender des Lazaratts im Innenhof des Schönborner Hofs, um 1914 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht Juli 1917

    Das Lazarett im Schönborner Hof

    Die „Aschaffenburger Zeitung“ brachte am 14. Juli 1917 eine kurze Meldung über den Tod von zwei „kriegsgefange­nen Russen“ im „Schön­bornerhof-Lazarett“.

    Im Monat Juli 1917 starben in dem bereits zu Kriegsbeginn einge­rich­teten Reservelazarett insgesamt 15 Kranke und Verwundete, in der Mehrzahl waren das russische Kriegsge­fangene. Aus den Sterbe­registern der Stadt Aschaffenburg geht hervor, dass in den meisten Fällen „Tuberkulose“ oder auch „Schwindsucht“ die Todes­ursache war. Daher ist zu ver­muten, dass das Lazarett im Schön­bor­ner Hof der Behand­lung und Pflege von Tuberkulosekranken vorbehalten war.

    Ab 1905 hatte die Einrichtung eines dichten Netzes von Tuberku­lose­fürsorgestellen das Risiko einer Infektion deutlich verringert, allerdings stiegen die Erkrankungen in den kriegsbeeinflussten Jah­ren zwischen 1917 und 1919 auch unter der zivilen Bevölkerung deutlich an. Erst 1943 wurde mit der Entwicklung eines Antibioti­kums neben der Prävention auch die aktive Behandlung der an Schwind­sucht erkrankten Personen möglich. Bis dahin setzte man in leichten Fällen auf die Heilstättenbehandlung, in schweren Fällen auf die gesonderte Unterbringung der Infizierten.

    Bei den beiden am 14. Juli 1917 verstorbenen Kriegsgefangenen han­delte es sich um Iwan Muchortow, einen 29jährigen Landwirt aus dem westlichen Sibirien. Er hatte als Angehöriger der 6. Kom­panie des Russischen Infanterieregiments Nr. 56 gedient, war grie­chisch-orthodoxer Religion und wurde in einem Sammelgrab auf dem als „Kinderfriedhof“ bezeichneten Teil des Altstadtfriedhofs bestattet. Dort erinnert heute ein Kreuz an die hier in einem Sammelgrab bestatteten 103 Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg. Selman Schafran war „israelitischer“ Religion und als Angehöriger der 5. Kompanie des Russischen Infanterieregiments Nr. 309 in Gefangenschaft geraten. Auf dem jüdischen Friedhof auf dem Erbig befindet sich ein Grabstein für den 43jährigen Fleischer aus Kiew.

  •   Fotocollage Aschaffenburger Rekrutendepot, 1917 (Privatsammlung)

    Fotocollage Aschaffenburger Rekrutendepot, 1917 (Privatsammlung)

    Schlaglicht Juni 1917

    Das Aschaffenburger Rekrutendepot

    Einen interessanten Einblick in den Alltag der militärischen Ausbildung gibt eine Fotocollage, das im Juni 1917 für die Rekruten des Jahrgangs 1899 angefertigt wurde. Als Angehörige des Aschaffenburger Rekrutendepots, das dem II. Ersatz-Bataillon des Königlich-Bayerischen 2. Jä­ger-Bataillons angegliedert war, hatten sie sich der militä­rischen Ausbildung zu unterziehen und wurden so auf ihren Einsatz an unterschiedlichen Stützpunkten der deutschen Armee vorbereitet.

    Einige ausgewählte Motive werden den im „Unterrichtsbuch für den bayerischen Infanteristen und Jäger“ von Johann Zeiss formulierten Pflichten und Obliegenheiten gegenüber­gestellt. Von diesem Unterrichtsbuch existierten zahlreiche Auflagen und es diente den Rekruten als „Lese- und Nach­schlagebuch“. Zeiss vermittelt nicht nur Verhaltensregeln im Schützengraben, sondern beschreibt auch die verschiede­nen Ausrüstungsgegenstände und Waffengattungen und gibt hilfreiche Hinweise für Verhaltensweisen und Übungen aller Art.

    Die Bilder zeigen die Aschaffenburger Rekruten bei Übun­gen in der Jägerkaserne und auf dem Schweinheimer Exer­zierplatz, wo auf dem Gelände möglichst realitätsnah die unterschiedlichsten Kriegssituationen nachgestellt wurden.

  •  Handzettel herausgegeben von der Deutschen Reichsbank, Frühjahr 1917 (aus: SSAA, Kriegssammlung Hirsch)

    Handzettel herausgegeben von der Deutschen Reichsbank, Frühjahr 1917 (aus: SSAA, Kriegssammlung Hirsch)

    Schlaglicht Mai 1917

    Zeichnet Kriegsanleihen!

    Im Frühjahr 1917 gab die Reichsbank die sechste Kriegsanleihe aus und forderte die deutsche Bevölkerung zum wiederholten Mal zur Zeichnung auf. Zwischen 1914 und 1918 nahm das Deutsche Reich mit insgesamt neun Kriegsanleihen 98 Milliarden Mark ein und konnte mit den von den Zeichnern gewährten Krediten etwa 60 % der Kriegskosten decken.

    Zur Steigerung des Absatzes wurde die Ausgabe der Anleihen von massiver Propaganda begleitet. Anleger sollten nicht nur mit Appellen an die patriotische Gesinnung gewonnen werden, auch mit der kriegsentscheidenden Bedeutung einer solchen Anleihe wurde argumentiert. Der Einsatz von Kinderbildern oder Szenen junger Frauen zeigen eine große Bandbreite an Elementen moderner Werbepsychologie. Aber auch andere Bildprogramme wurden verwendet, so zum Beispiel die Darstellung eines englischen Löwen, der unter dem Druck moderner Waffen und Stellungen am Boden kriecht.

    Die Künstler, vielfach offizielle Militärmaler, wurden mit der Anfertigung von Entwürfen beauftragt, aus denen das Präsidium der Reichsbank dann eine Auswahl treffen konnte.

  •  Mitteilung der Firma August Kirsch über die Vertreter des Arbeitsausschusses, 5. April 1917 (aus: SSAA, SBZ 1 2155)

    Mitteilung der Firma August Kirsch über die Vertreter des Arbeitsausschusses, 5. April 1917 (aus: SSAA, SBZ 1 2155)

    Schlaglicht April 1917

    Vaterländischer Hilfsdienst

    Im Rahmen des Hindenburg-Programms wurde Anfang Dezember 1916 das „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ erlassen, mit dem eine umfangreiche Mobilisierung der knappen Arbeitskraft-ressourcen für die Produktion kriegswichtiger Güter erreicht werden sollte: Alle Männer zwischen dem 17. und dem 60. Lebensjahr, die nicht zur Armee eingezogen worden waren oder nicht vor 1916 in einem agrarischen oder forstwirtschaftlichen Betrieb gearbeitet hat-ten, waren nunmehr verpflichtet, in der Rüstungsindustrie oder in einem kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten. Dadurch war sowohl die freie Wahl des Arbeitsplatzes aufgehoben als auch gleichzeitig eine politische Betätigung erschwert. Mit dem § 11 gestand man jedoch den Gewerkschaften die Bildung von Arbeiterausschüssen zu, die in allen Betrieben mit mindestens 50 Arbeitern einzurichten waren.

    Bis zum 7. April 1917 hatten die Aschaffenburger für den Vaterlän-dischen Hilfsdienst tätigen Unternehmen die Vertreter der Arbeiterausschüsse zu melden, so beispielsweise die Werkzeugfabrik August Kirsch in Damm, die sämtliche “Lehrgeräte für die Geschoss- und Zünderfabrikation sowie Fräswerkzeuge hierfür“ herstellte und im Januar 1917 insgesamt 120 männliche sowie 38 weibliche Arbeitskräfte beschäftigte. Dem Arbeiterausschuss der Firma Kirsch gehörten vier Schlosser und eine Arbeiterin an.

    Die 18jährige Martha Schmitt richtete am 27. April 1917 jeweils ein Schreiben an die Aschaffenburger Militärverwaltung und an die Hilfsdienstmeldestelle des Städtischen Arbeitsamts, mit dem sie sich auf eine „Stellung im Hilfsdienst“ bewarb: „Ich wäre gerne bereit irgend einen Posten in einem Büro anzunehmen, da ich eine hübsche Handschrift besitze und ich in größeren Geschäften tätig war.“ Diese Schreiben stehen im Zusammenhang mit der 1917 einsetzenden Anwerbung von weiblichen Arbeitskräften durch ein „Referat Frauenarbeit“ im Kriegsministerium: Frauen sollten die im Feld stehenden Männer an der „Heimatfront“ ersetzen.

  •  Firmenansicht der Güldner Motorenwerke GmbH Aschaffenburg um 1913 (SSAA, AkzNr 2015/019)

    Firmenansicht der Güldner Motorenwerke GmbH Aschaffenburg um 1913 (SSAA, AkzNr 2015/019)

    Schlaglicht März 1917

    Das „Handbuch für den Minenwerfer“ von H. Güldner

    Karl Julius Gustav Hugo Güldner (1866-1926) verlegte 1907 die Produktion der bis dahin in München hergestellten Güldner-Motoren nach Aschaffenburg. Güldner war und ist heute noch in erster Linie für seine bahnbrechenden Konstruktionen von Hochdruck-Verbren­nungs-Motoren bekannt, die er u.a. ab 1898 als Chefkonstrukteur und Prokurist bei Rudolf Diesel entwickelte.

    Unter den 2015 von der Firma Linde an das Stadt- und Stiftsarchiv übergebenen Unterlagen befindet sich ein Werk von Güldner, das in den einschlägigen Biographien und Werkverzeich­nissen keine Er­wähnung findet: Es handelt sich dabei um das im März 1917 er­schie­­­­nene „Handbuch für den Minenwerfer“. In einem „technischen“ und einem „taktischen“ Teil werden aufschlussreiche praktische Details geschildert, die beim Einsatz der „Steilfeuerge­schütze“ im Stellungskrieg zu beachten waren. Sie wurden während der gesamten Kriegszeit eingesetzt und weiterentwickelt: Sie verur­sachten nach der Artillerie die zweithöchsten Verluste dieses Kon­flikts.

    Ende Juni 1914 beschäftigte die Aschaffenburger Güldner-Motoren-Gesellschaft m.b.H 260 Arbeiter sowie 40 Meister und Angestellte, die Mobilmachung und Kriegserklärung brachten den Betrieb je­doch vollständig zum Erliegen. Nach Verhandlungen mit „militär­technischen Instituten“ setzte aber bereits im Oktober 1914 die Produktion von Geschossen, Granaten, Spreng- und Wurfminen für den Kriegsbedarf ein. „Dem zunächst noch sehr hemmenden Ar­beitermangel konnte durch Einstellung von jugendlichen und weib­lichen Kräften (...) entgegengewirkt werden“, heißt es weiter in einem 1924 verfassten Bericht Güldners über die Firmenentwick­lung. Die Belegschaft belief sich 1917 auf 425 Personen, am 1. Oktober 1918 bestand sie aus 492 Personen (darunter 61 Frauen) und darüber hinaus 48 Meister und Angestellte.

    Der 1914 von der Technischen Hochschule Karlsruhe ernannte Ehrendoktor, Kommerzienrat und Fabrikdirektor starb im März 1926 an den Folgen einer Operation in Frankfurt / Main und wurde auf dem Aschaffenburger Altstadtfriedhof beigesetzt.

  •  Innenansicht mit Kücheneinrichtung in der Erbsengasse 4, um 1916 (SSAA, Fotosammlung)

    Innenansicht mit Kücheneinrichtung in der Erbsengasse 4, um 1916 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht Februar 1917

    Die Aschaffenburger Volksküche

    Die ausreichende Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln wurde im Verlauf des Krieges immer schwieriger, bis zum Herbst 1916 unterlagen alle Nahrungsmittel der Bewirt­schaftung. Die Aschaffenburger Zeitungen berichteten ausführ­lich über die Diskussionen des Stadtrats, der sich während seiner Sitzungen regelmäßig mit den Möglichkeiten einer zufrie­denstellenden Lebensmittelverteilung beschäftigte.

    Die Einrichtung von Volksküchen  wurde bereits im Sommer 1916 besprochen, als die „Kommission zur Frage der Lebens­mittel­versorgung“ einen entsprechenden Vorschlag gemacht – zur Abgabe „billiger und kräftiger Nahrung“ waren mehrere „in verschiedenen Bezirken der Stadt“ vorgesehen – und auf eine frühzeitige Beschaffung und Sicherung von Vorräten für den bevor­stehenden Winter gedrängt hatte.

    Der Beginn einer täglichen Essensausgabe verzögerte sich mehr­fach, erfolgte dann aber schließlich Anfang Januar 1917. Am 2. Februar wurde im Stadtrat über den „Betrieb der Volks­küche“ berichtet: „Seit Eröffnung (...) wurden 3 932 Personen gespeist. Durchschnittlich war die Volksküche an einem Tag von 130 Personen besucht. Die Frequenz hat ständig zuge­nom­men. Gestern wurde die größte Frequenz erreicht, indem 209 Personen sich einfanden.

    Die in der Erbsengasse 4 untergebrachte Einrichtung bestand aus einem für maximal 200 Personen ausgelegten Speisesaal, und der Küche, in der außer zwei kohlebefeuerten Kesseln auch ein Gasherd mit sechs Kochstellen aufgestellt war. Ein weiterer Küchenraum diente der Aufstellung von Kochkisten, die zum Nachgaren der angekochten Speisen dienten. Schließ­lich standen auch im Keller noch Wirtschafts- und Lager­räume zur Verfü­gung.

  • Rosenkranz, Erinnerungsbrosche und Eisernes Kreuz, die Rosa Wank zum Andenken an ihren Bruder Zeit ihres Lebens aufbewahrte (Privatbesitz, Bild: Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)

    Schlaglicht Januar 1917

    Andenken an Franz Wank

    Franz Wank fiel drei Tage vor seinem 23. Geburtstag am 2. Januar 1917 während der Stellungskämpfe im Norden Frankreichs, wo sich um den Jahreswechsel 1916 / 1917 deutsche und englische Truppen gegenüber standen.

    Als Angehöriger des 17. Königlich-Bayerischen Infanterie­regiments „Orff“ diente er im Oktober 1914 zunächst im Rekrutendepot, ab Dezember 1914 in der 10. Kompanie im Feld. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse wurde ihm für seinen Einsatz als „schneidiger Meldegänger“ in den Kämpfen an der Somme im September 1916 verliehen. Anschließend – vom 22. Septem­ber 1916 bis 22. April 1917 – wurde das Regiment zwischen Lille und Armentières eingesetzt, wo ein Artilleriegeschoss Franz Wank am Rücken tödlich traf. Er wurde auf dem Militärfriedhof Lambertsart beigesetzt.

    Franz Wank war das jüngste von acht Kindern, seine Mutter starb bei seiner Geburt am 5. Januar 1893 in Edelbach. 1895 heiratete sein Vater zum zweiten Mal und zog nach Aschaffenburg, wo er in der Strickergasse 19 wohnte und mit Bildern handelte. Zwischen 1898 und 1911 kamen wei­tere vier Kinder zur Welt.

    Wie sein Vater war auch Franz Wank Bilderhändler und schenkte seiner 1911 geborenen Halbschwester Rosa einen Rosen­kranz. Zeit ihres Lebens bewahrte Rosa diesen Rosenkranz – wie auch das Eiserne Kreuz und eine Brosche mit dem Portrait Franz Wanks – zum Andenken an ihren Bruder auf: Sie starb 2013 im Alter von 102 Jahren.

2016
  • Postkarte mit Foto der ersten Mannschaft der Viktoria 01 Aschaffenburg 1913/14

    Postkarte mit Foto der ersten Mannschaft der Viktoria 01 Aschaffenburg 1913/14 (SSAA, AkzNr. 2016 / 32)

    Schlaglicht Dezember 1916

    Die Judenzählung

    Am 1. Dezember 1916 liefen beim preußischen Kriegsministerium die „Nachweisungen der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ ein – auch das bayerische Kriegsministerium hatte diese im Laufe des Novembers von den einzelnen Kommandos anfertigen lassen und nach Berlin weitergeleitet. Hintergrund dieser Erhebungen war ein am 11. Oktober 1916 herausgegebener Erlass des Preußischen Kriegsministeriums, das bekannt gab: „Fortgesetzt laufen beim Kriegsministerium aus der Bevölkerung Klagen darüber ein, daß eine unverhältnismäßig große Anzahl wehrpflichtiger Angehöriger des israelitischen Glaubens vom Heeresdienst befreit sei oder sich von diesem unter allen nur möglichen Vorwänden drücke. Auch soll es nach diesen Mitteilungen eine große Zahl im Heeresdienst stehender Juden verstanden haben, eine Verwendung außerhalb der vordersten Front, also in dem Etappen- und Heimatgebiet und in Beamten- und Schreiberstellen zu finden." Auch dem bayerischen Kriegsministerium, das die Nachweisungen auf die bayerischen Truppen ausgedehnt hatte, lag daran, „Anhaltspunkte zu gewinnen, ob den häufig aus der Bevölkerung eingelaufenen Klagen über Befreiung einer unverhältnismäßig großen Anzahl wehrpflichtiger Juden vom Heeresdienst und ihre Verwendung hinter der vordersten Front denn überhaupt eine Berechtigung zuzusprechen sei.“ Die Ergebnisse der Erhebung, die unter der jüdischen Bevölkerung Deutschlands eine Beunruhigung und  Bestürzung auslöste, wurden bis Kriegsende geheim gehalten.

    Offener Antisemitismus ist in den Aschaffenburger Zeitungen nicht erkennbar – die liberale „Aschaffenburger Zeitung“ bezieht Stellung und kommentiert das Ergebnis der Erhebungen über die Konfession bei den sogenannten „Kriegsgesellschaften“ Anfang November 1916: „Man ersieht also schon daraus, wie unberechtigt die Klagen sind, daß angeblich (…) die Juden stark überwiegen. Der antisemitische Zentrumsantrag erledigt und richtet sich nun von selbst.“ – , die veröffentlichten Familien- bzw. Traueranzeigen lassen auf eine gesellschaftliche Integration der jüdischen Bevölkerung Aschaffenburgs schließen. Im Falle des am 22. Dezember 1916 in Rumänien gefallenen Ludwig Davidsburg betrauert der Sportverein Viktoria 1901 e.V., „dass unser hochgeschätzter Spielführer der 1. Mannschaft den Heldentod fürs Vaterland gestorben ist“, und man damit nicht nur den besten Spieler, „sondern auch einen treuen aufrichtigen Freund“ verliere.

  • Postkarte 1914 mit Foto einer englischen Radfahreinheit mit Maschinengewehr

    Postkarte 1914: Die Vorderseite zeigt das Foto einer englischen Radfahreinheit mit Maschinengewehr (SSAA, NL GStadelmann)

    Schlaglicht November 1916

    Die Einschränkung des zivilen Fahrradverkehrs

    Bereits seit Juni 1916 war das Fahrradfahren zu Vergnü­gungs­zwecken – also zu Spazierfahrten und Ausflügen – verboten. Auch die sportliche Nutzung von Fahrrädern war seitdem untersagt. Ausgenommen waren Radrennen, wenn die Bereifung aus bereits vorhandenen geschlossenen Rei­fen ohne Luftschlauch bestand. Hintergrund dieses Verbots war die Beschlagnahme von Gummi, das zu militärischen Zwecken dringend benötigt wurde.

    So wurde die Radfahrabteilung der Aschaffenburger Jäger als Teil des Alpenkorps im November 1916 in Rumänien eingesetzt und rückte gegen Bukarest vor. Durch die man­gel­nde Motorisierung und den steigenden Bedarf an Bewe­gungsgeschwindigkeit hatten die seit 1893 existierenden Radfahrabteilungen als Melde- und Spähtruppen sowie als Hilfstruppen der Kavallerie an Bedeutung gewonnen und mussten mit Material versorgt werden.

    Im zivilen Bereich durften ab November 1916 Fahrrad­decken und Fahrradschläuche aus gummihaltigen Stoffen nur gegen Bezugsscheine verkauft oder abgegeben werden, Bezugsscheine erhielten Personen, „für welche des Fahrrad als Beförderungsmittel zur Arbeitsstelle“, „zur Ausübung ihres im allgemeinen Interesse besonders notwendigen Be­rufes oder Gewerbes oder gemeinnützigen Tätigkeit“, „zur Beförderung von Waren zur Aufrechterhaltung eines Betrie­bes“ oder „infolge ihres körperlichen Zustands“ unentbehr­lich war. Für die acht in Aschaffenburg bestehenden Fahrrad­­handlungen bedeutete das den Verlust einer elementaren Einnahmequelle und erschwerte die ohnehin schon schwie­rigen Verhältnisse, die das Beispiel der Fahrradhandlung Karl Trabert zeigt.

  • Glaskrug mit Zinndeckel zum 25jährigen Dienstjubiläum von Heinrich Welzbacher, 1912

    Glaskrug mit Zinndeckel zum 25jährigen Dienstjubiläum von Heinrich Welzbacher, 1912 (MSA, 165/2012)

    Schlaglicht Oktober 1916

    Enteignung von Bierglasdeckeln und Bierkrugdeckeln aus Zinn

    Zur Sicherung des Kriegsbedarfs wurde am 1. Oktober 1916 eine Bekanntmachung des stellvertretenden Generalkom­mandos der bayerischen Armee über die Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung von Bierglasdeckeln und Bierkrugdeckeln aus Zinn in Gastwirtschaften, Brauereien und Schankbetrieben veröffentlicht. Die konkrete Durchfüh­rung oblag den Städten und Gemeinden, der Stadtmagistrat Aschaffenburg regelte die Einzelheiten durch eine Bekannt­machung seinerseits Ende Oktober.

    Wie die betroffenen Trinkgefäße aussahen zeigen zwei Bei­spiele aus den Sammlungen der Aschaffenburger Museen: Der Reser­vistenkrug des Gefreiten Josef Nies, der zwischen 1905 und 1907 beim Aschaffenburger Jägerba­taillon gedient hatte, ist ein farbenfroh gestalteter und reich verzierter Por­zellankrug; auf dem Zinndeckel des präsen­tierten Glaskrugs weist eine Gravierung auf den Kriminal­wacht­meister Hein­rich Welz­bacher hin, der den Krug 1912 zu seinem 25jährigen Dienst­jubiläum erhielt.

    Neben der Beschlagnahme von Metallen für militärische Zwecke wurden auch weiterhin Lebensmittel bewirtschaftet. Darüber hinaus unterlagen Waldfrüchte wie Eicheln und Kastanien einer gesetzlichen Beschlagnahme: An den Sammelstellen wur­den für die Abgabe der zur Viehfütterung geeigneten Früchte festgelegte Preise ausgezahlt.

    Für die Herstellung von Öl aus Sonnenblumenkernen oder Bucheckern erhielt die Bevölkerung Berechtigungsscheine, wenn drei Viertel einer gesammelten Menge an der entspre­chenden Sammelstelle abgegeben und registriert wurde, der vierte Teil konnte für den eigenen Verbrauch weiter verar­beitet werden.

  • Umschlag der bayerischen Militärverwaltung mit dem Nachlass von Johann Theodor Zang, 1916

    Umschlag der bayerischen Militärverwaltung mit dem Nachlass von Johann Theodor Zang, 1916 (aus: Privatsammlung)

    Schlaglicht September 1916

    Trommelfeuer an der Somme

    Johann Theodor Zang aus Haibach, bis zu seiner Einbe­rufung als Gussputzer bei der Aschaffenburger Herdfabrik Koloseus tätig, war im September 1916 als Gefreiter und Gruppenführer im 23. Bayerischen Infanterie-Regiment in der Schlacht an der Somme eingesetzt. Von dort schrieb er am 5. September 1916 an seine Frau Katharina und seinen kleinen Sohn Heinrich einen ausführlichen Brief, in dem er eindrücklich über die verlustreichen Gefechte berichtete: „Wer vorn war, dachte nimmer an ein Zurückkommen. Das Trommelfeuer ging den ganzen Tag so fort. Am Nachmittag bekam ich dann eine solche Sehnsucht nach Euch, denn ich glaubte, ich müsse sterben, so hat mir das Herz wehgetan. Ich nahm Euere Photographie und legte sie neben mich, damit ich sie beständig vor Augen sah.“

    Dieser Brief gelangte erst im Oktober 1916 in den Besitz von Katharina Zang, als sie auf der Gemeindeverwaltung einen Umschlag aus dem Bayerischen Kriegsministerium in Empfang nahm. Der Umschlag enthielt nicht nur den letzten Brief ihres Mannes, der am 15. September 1916 – also zehn Tage, nachdem er den Brief geschrieben hatte – beim Rück­zug seiner Einheit vermisst und am 21. September 1916 in englischer Gefangenschaft an die Folgen seiner Schussver­letzungen gestorben war, sondern auch noch die mit seinem Blut getränkten Notizbücher und andere Schriftstücke. So hatte er bis zum Schluss einen „Ostergruß aus der Heimat“ bei sich getragen, den ihm seine Frau im Namen des 2jährigen Sohn gesendet hatte.

  • Transport von Schwerverwundeten durch die Freiwillige Sanitätskolonne im Hauptbahnhof Aschaffenburg, um 1914

    Transport von Schwerverwundeten durch die Freiwillige Sanitätskolonne im Hauptbahnhof Aschaffenburg, um 1914 (SSAA, Ansichtskartensammlung)

    Schlaglicht August 1916

    Die Versorgung von Schwerverwundeten

    Die Versorgung von Verwundeten und von Kriegsinvaliden war schon bald nach Ausbruch des Krieges ein wichtiges Anliegen der Behörden. In Aschaffenburg wurden Verwundete in mehreren Lazaretten medizinisch betreut, das Soldatentagesheim stand den Rekonvaleszenten zur Verfügung.

    Das Schicksal Adam Schmittners aus Damm stellte nicht nur für seine Frau, sondern auch für die staatlichen und städtischen Ämter eine besondere Herausforderung dar. Am 19. Januar 1887 in Damm geboren, war er schon im August 1914 mit dem 17. Infanterieregiment Orff an der Westfront eingesetzt, wo ihn am 20. August 1914 in Mörchingen (frz. Morhange) während der Schlacht in Lothringen ein Schuss durch die Lendenwirbelsäule traf. Infolge der Verletzung waren beiden Beine sowie die Blasen- und Aftermuskulatur gelähmt.

    Am 31. Juli 1916 wurde Adam Schmittner aus dem Militärdienst entlassen und von einem Lazarett in Freiburg nach Aschaffenburg verlegt, wo man ihn zunächst im Lazarett für Schwerverwundete in der landwirtschaftlichen Winterschule in Damm (Antoniusstraße 1) unterbrachte. Aufgrund der schweren Verletzung und dem hohen Maß an Pflegebedürftigkeit reichte die von der Militärverwaltung bewilligte monatliche Invalidenrente allerdings zur Deckung der Kosten im Vereinslazarett nicht aus, die zuständigen zivilen Stellen lehnten eine Kostenübernahme oder -beteiligung aber ab.

  • Brotausweis des Brauereibesitzers Georg Ebert mit rotem und blauem Stempel der Metzger

    Brotausweis des Brauereibesitzers Georg Ebert mit rotem und blauem Stempel der Metzger (SSAA, PGS 9)

    Schlaglicht Juli 1916

    Die roten und die blauen Metzger

    Bereits im Februar 1916 hatte der Stadtmagistrat Aschaffen­burg eine Fleischversorgungsstelle eingerichtet, um den un­übersichtlichen Verhältnissen entgegentreten zu können, die sich aus Interessen der Metzgerinnung, Festsetzung von Höchstpreisen und unerlaubten Handel ergaben. Am 26. April 1916 wurde bayernweit die Fleischkarte einge­führt, die Bestandsaufnahme der Vorräte bei den örtlichen Metzgern, Organisation der Kartenausgabe und Über­wachung der Fleischabgaben oblag den Kommunalver­bänden bzw. in Aschaffenburg der Fleischversorgungsstelle.

    Die Ende Juni 1916 angesetzte Sitzung des Stadtmagistrats „war von außergewöhnlich langer Dauer und hatte als wich­tigsten Beratungsgegenstand die neuen Vorschriften [...,] es [galt...] noch, die einzelnen Vorschriften im näheren zu er­läutern und wo es notwendig erschien, Verbesserungen vor­zu­nehmen.“ – am Beispiel eines im Stadt- und Stiftsarchiv überlieferten Brotausweises lässt sich die am 30. Juni 1916 erlassene „Magistratische Verordnung über die Regelung der Fleisch-Verteilung“ veranschaulichen.

    Ausgegeben für den Brauereibesitzer Georg Ebert, sind auf dem Ausweis der rote Schweinemetzger- und der blaue Rindsmetzgerstempel deutlich zu erkennen. Ebert hatte sich in die Kundenlisten der Metzger Gottlieb Staab, Fried­richstraße 3a, und Johann Otter, Sandgasse 54, einge­tragen. Die Geschäfte stempelten den Bezug von Fleisch- und Wurstwaren (jeweils rot und blau!) auf der Rückseite des Ausweises ab, jede Abgabe an Bezugsberechtigte wiederum mussten bei der Aschaffenburger Fleisch­versorgungsstelle nachgewiesen werden.

  • Ausschnitt aus dem Gedenkblatt im Spessartkalender 1917 mit dem Brustbild von Karl Kraus

    Ausschnitt aus dem Gedenkblatt im Spessartkalender 1917 mit dem Brustbild von Karl Kraus (Landeskundliche Bibliothek, Zs 215)

    Schlaglicht Juni 1916

    Aschaffenburger Jäger vor Verdun

    Um die Westfront in Bewegung zu bringen, hatte sich die deutsche Heeresleitung für einen Angriff auf die seit 1915 teilweise entwaffnete, Festung Verdun entschieden. Außerdem bedrohte rund um Verdun eine Einbuchtung in der Frontlinie die deutsche Front in ihren Flanken. Das Ziel der am 21. Februar 1916 beginnenden Offensive war vor allem, die Höhenzüge am östlichen Maasufer einzunehmen, um dort die deutsche Artillerie zu installieren.

    Entgegen den Erwartungen leisteten die Franzosen erbitterte Gegenwehr und der Artilleriebeschuss von den Höhen westlich der Maas brachten den Vormarsch der Deutschen Anfang März 1916 zum Stocken. Im Verbund des Bayerischen Jägerregiments 1 war im Juni auch das Aschaffenburger Jägerbataillon an den Gefechten beteiligt.

    Beispielhaft werden die Schicksale von drei jungen Männern vorgestellt, die als Angehörige des 2. Reserve-Jägerbataillons an den verlustreichen Kämpfen um Verdun eingesetzt waren: Karl Kraus, geboren in Aschaffenburg, und Alois Bauer aus Mönchberg fielen beide im Juni 1916 auf den Schlachtfeldern bei Fleury. Adolf Wank aus Edelbach hingegen überlebte eine Verschüttung, verlor jedoch das Gehör seines rechten Ohrs und wurde nach seiner Genesung bis Ende des Krieges in verschiedenen Versorgungsabteilungen der hinteren Linien eingesetzt.

    Uniformstücke und Geschossteile ergänzen und veranschaulichen die Informationen und Erläuterungen über die Einsatzorte der drei genannten Jäger.

  • Ansichtskarte

    Ansichtskarte "Zur Erinnerung an die Einführung der Deutschen Sommerzeit 1916 (SSAA, Ansichtskartensammlung)

    Schlaglicht Mai 1916

    Die Sommerzeit - Eine Erfindung aus dem Ersten Weltkrieg

    Am 1. April 1892 hatte die Stadt Aschaffenburg die bis dahin geltende Ortszeit abgeschafft und ihre Uhren nach der Mitteleuropäischen Zeit gestellt. Fast ein Vierteljahrhundert blieb die Uhrzeit in Deutschland stabil, doch während des Ersten Weltkrieges bestimmte der Bundesrat durch eine Verordnung, dass vom 1. Mai bis zum 30. September 1916 die Uhren in Deutschland um eine Stunde vorgestellt werden sollten – die deutsche Sommerzeit (DSZ) war erfunden. Auch in den beiden folgenden Jahren wurde die DSZ verordnet, um wegen des Krieges das Tageslicht besser ausnutzen zu können.

    Der „Aschaffenburger Anzeiger“ informierte Ende April 1916 mit einem Schaubild, das die positive Auswirkung der Tageslichtverlängerung auf die arbeitende Bevölkerung darstellen sollte. Bedenken der Eltern schulpflichtiger Kinder versuchte man mit einem redaktionellen Beitrag zu zerstreuen. Die Geschäftsleute wurden ermuntert die Öffnungszeiten ihrer Läden zu reduzieren, nachdem dies die Kaufhäuser Löwenthal und Rüth & Schneider angekündigt hatten: „Wir begrüßen diese soziale Tat mit Freuden, einmal des Personals wegen, dem dadurch Gelegenheit geboten wird, nach angestrengter Arbeit des Abends Erholung zu suchen, andererseits auch deshalb, weil dadurch der Reichsgedanke wegen Einführung der Sommerszeit ganz bedeutend gefördert wird.“

    Auf einer „Zur Erinnerung an die Einführung der deutschen Sommerzeit am 1. Mai im Kriegsjahr 1916“ erschienene Ansichtskarte ist zu lesen:

    „Erfinderisch ist jetzt die Welt,

    sie spart an Fleisch, an Brot und Geld.

    Auch nötig ist zu unserm Sieg,

    daß man spart Licht und Zeit im Krieg.“

  • Ansicht einer Kirchenruine auf der Bildseite einer Feldpostkarte

    Ansicht einer Kirchenruine auf der Bildseite einer Feldpostkarte (aus: SSAA, ZGS 826)

    Schlaglicht April 1916

    Ostergrüße aus dem Schützengraben

    In den Sammlungen des Stadt- und Stiftsarchivs befinden sich Feldpostbriefe und -karten, die städtische Bedienstete während des Ersten Weltkrieges an den Aschaffenburger Oberbürgermeister Matt richteten.

    Der in der Kanzlei beschäftigte Bartholomeus Buckreus schickte im April 1916 eine Ansichtskarte, um „ein recht gesundes Osterfest zu wünschen“ und mitzuteilen: „Während der Feiertage bin ich im Schützengraben.“ Er schreibt weiter, dass die Bildseite der Karte „eine von den Franzosen zusammengeschossene Kirche“ zeige.

    Vom städtischen „Anlagengärtner und Gartentechniker“ Franz Boxberger erhielt Matt einen längeren Brief, der interessante Einblicke in Boxbergers Leben und seine Einstellungen erlaubt.

    Boxberger, geboren im Februar 1882, stammte aus Nürnberg und war seit 1912 mit seiner Frau in Aschaffenburg ansässig. Die 1913 geborene Tochter war im März 1916 gestorben, so dass er mit seiner „nun (...) wieder sehr klein gewordene[n] Familie“ hoffte, „mit geraden Knochen und sonst auch gesund wieder in die Heimat zurückkehren“ zu können, sobald das Kriegsende eintrat.

    Als Angehöriger der Bayerischen Feldartillerie im Verband der 11. Infanterie-Division war Boxberger Anfang 1916 von der Ostfront nach Nordfrankreich verlegt worden, wo er in den nordfranzösischen Argonnen als Teil der „leichten Kolonne“ mit dem Munitionsnachschub und dem Austausch der Geschütze beschäftigt war. Bezugnehmend auf zerstörtes Material und die deutsche Rüstungsindustrie bemerkt Boxberger: „Krupp wird schnell wieder für Ersatz gesorgt haben“.

  • Plakat zum Regerkonzert am 18. März 1916

    Plakat zum Regerkonzert am 18. März 1916 (SSAA, MS 130)

    Schlaglicht März 1916

    Max Reger in Aschaffenburg

    Am 18. März 1916 fand im Deutschhaussaal des Städtischen Theaters ein Konzert statt, in dem Max Reger (1873 – 1916) nicht nur als Solist auftrat. Das Publikum erlag schon im ersten Teil dem „Zauber der Regerschen Kunst“, wie zwei Tage später die Aschaffenburger Zeitung berichtete. Auch die Sopranistin Tilly Cahnbley-Hinken (1880 – 1932), die Max Reger am Klavier begleitete, wurde wegen ihrer „sprühenden Lebhaftigkeit des Empfindens und Gestaltens“ mit begeistertem Beifall bedacht. Zunächst als Solist, dann gemeinsam mit Max Reger gestaltete schließlich der niederländische Cellist Maurits Frank (1892 – 1959) die im zweiten Teil des Programms stehenden Kompositionen Regers „in technischer und musikalischer Ueberlegenheit“. Trotz deutlicher Kritik an der Länge des Programms, die die Konzertbesucher überfordert habe, werde aber „der Regerabend (...) ein Markstein für die weitere musikalische Entwicklung unserer Stadt sein. Direktor Kundigraber verdient für die Vermittlung dieses Abends uneingeschränkte Anerkennung.

    Der Direktor der Musikschule Aschaffenburg, Hermann Kundigraber (1879 – 1944), hatte im Dezember 1915 die Genehmigung des Stadtrats erwirkt, eine Einrichtung unter dem Namen „Aschaffenburger städtische Musikkultur“ an die Musikschule anzugliedern. Damit wollte Kundigraber den als Kriegsfolge eintretenden Einschränkungen im Kulturleben entgegenwirken. „Und bereits am 18.3.1916 hatte „Astmuk“ einen großen Abend: Max Reger spielte vor einem auch den letzten Podiumsplatz in Anspruch nehmenden übervollen Saal, umjubelt von einer begeisterten Zuhörerschaft, und feierte anschließend unter denkwürdigen Begleitumständen seinen letzten Geburtstag in frohem Kreise“, so schrieb Kundigraber später. Sehr anschaulich schildert er auch seine Begegnung mit den Künstlern am Konzerttag und schließlich auch Regers letzte Geburtstagsfeier im Stiftskeller am 19. März 1916.

  • Grabmal für Moritz Freund auf dem jüdischen Altstadtfriedhof Aschaffenburg

    Grabmal für Moritz Freund auf dem jüdischen Altstadtfriedhof Aschaffenburg (Bild: Oded Zingher, Aschaffenburg)

    Schlaglicht Februar 1916

    Bekleidung für das deutsche Heer

    Im Gewerbekataster der Stadt Aschaffenburg sind für 1914 insgesamt 25 Kleider- bzw. Hosenfabriken aufgeführt, die rund 260 Personen direkt beschäftigten. Der Kriegsausbruch erschwerte die Produktionsbedingungen dadurch, dass einerseits die überwiegend männlichen Beschäftigten aufgrund der Militärpflicht ihre Arbeitsplätze verlassen mussten, und andererseits die staatliche Zwangsbewirtschaftung einsetzte.

    Schon zu Beginn des Jahres 1915 stellte die Militärverwaltung fest: „Die für die Schlagfertigkeit des Heeres unentbehrlichen Gegenstände der Bekleidung und Ausrüstung für Mann und Pferd haben seit Beginn des Krieges eine Preissteigerung erfahren, die zum Teil auf unbegründete Preistreiberei zurückzuführen ist.“ Durch zwei Kleinanzeigen gerieten die beiden Aschaffenburger Unternehmen Leopold Hamburger (Edmund und Ernst Hamburger, Herren-Kleiderfabrik, Ludwigstraße) und Gebrüder Solinger (Leopold und Siegfried Solinger, Hosenfabrik, Herstallstraße) in den Verdacht des „preistreibenden“ Zwischenhandels.

    Um den steigenden Bedarf des Heeres zu decken, setzten die vier deutschen Kriegsministerien Preußens, Sachsens, Bayerns und Württembergs am 1. Februar 1916 eine „Bekanntmachung“ zur Beschlagnahme u. a. von Bekleidung in Kraft – davon waren lediglich Vorräte für den Kleinverkauf ausgenommen.

    Am 26. Februar 1916 erlag der Landsturmmann Moritz Freund, der wenige Jahre zuvor mit seinem älteren Bruder David in der Frohsinnstraße die Kleiderfabrik „Gebrüder Freund“ gegründet hatte, seinen schweren Verwundungen in Flandern. Neben der Familienanzeige der Angehörigen veröffentlichte die „Aschaffenburger Zeitung“ am 1. März 1916 auch eine Traueranzeige des Personals, das mit dem 26-jährigen Landsturmmann einen „stets wohlwollenden, treubesorgten Prinzipal und Freund“ verlor.

  • Innenansicht des Leseraums im Soldatentagesheim, 1916

    Innenansicht des Leseraums im Soldatentagesheim, 1916

    Schlaglicht Januar 1916

    Ein Tagesheim für verwundete Soldaten

    In zwei Räumen des Osteiner Palais‘, der Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Gelände zwischen der Einmündung der Suicardusstraße in die Dalbergstraße (Kornmarkt) und der alten Mainbrücke entstanden war und zeitweise als Gerichtsgebäude gedient hatte, wurde im Januar 1916 ein Tagesheim für verwundete Soldaten eröffnet.

    Die Nutzung der Einrichtung in der Dalbergstraße 76 stand zwar prinzipiell allen Militärangehörigen frei, zunächst waren es jedoch insbesondere Patienten aus den Aschaffenburger Lazaretten, die sich dort aufhielten: Sofern ihnen der Ausgang gestattet wurde, konnten sich die Besucher in den hellen und beheizten Räumlichkeiten „unterhalten und zerstreuen“.

    Auf Initiative von Emil Neuburger und aus Spenden von Aschaffenburger Vereinen und Firmen standen nicht nur eine Bücherei mit Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Schreib- und Spieltische sowie ein Klavier zur Verfügung.

    Am 22. Januar nahm der amtierende Regierungspräsident von Unterfranken und Aschaffenburg, Friedrich von Brettreich (1858-1938), an einer Kommissionssitzung des Stadtmagistrats teil, die sich mit der „Kriegsinvalidenfürsorge“ beschäftigte. Im Stadtmagistrat war man bemüht eine Lösung zu finden, um die Kriegsversehrten angemessen zu beschäftigen und beschloss mit staatlicher Unterstützung die Einrichtung von Fortbildungskursen zur Ausbildung von Konfektionsschneidern.

    Es ist anzunehmen, dass der Besuch des Regierungspräsidenten im Aschaffenburger Soldatentagesheim Ende Januar 1916 damit im Zusammenhang stand.

2015
  • Anzeige in der

    Anzeige in der "Aschaffenburger Zeitung" vom 4. Dezember 1915 für Lineolsoldaten (SSAA, Zeitungssammlung)

    Schlaglicht Dezember 1915

    Zweite Kriegsweihnacht

    Am 6. Dezember 1915 begann der Aschaffenburger Andreasmarkt, auch Messe genannt. Schon am Tag zuvor öffneten auf dem Marktplatz vor dem Schloss nicht nur Karussell und Schießbude, sondern auch ein „Panorama“: Durch kleine Luken konnte man sich große bunte Bilder zu ausgewählten Themen ansehen.

    Während der folgenden vier Tage belebten zahlreiche Buden in der Innenstadt das vorweihnachtliche Treiben, das für den Einzelhandel – wie auch heute – mit bedeutenden Einnahmen verbunden war.

    Dies spiegelt sich eindrucksvoll in der „Aschaffenburger Zeitung“ wider, wo viele Geschäftsanzeigen nicht nur über Warenangebote informieren, sondern oftmals gleichzeitig auf die Kriegszeit und Angehörige im Militärdienst Bezug nehmen.

    Während der Feiertage, vom 22. Dezember 1915 bis 4. Januar 1916 zeigte das Rote Kreuz eine „Kriegsbeute-Ausstellung“ in der Turnhalle der Höheren weiblichen Bildungsanstalt, die über die Jahnstraße (heute Schwindstraße) zugänglich war. Dort wurden zahlreiche „hochinteressante Gegenstände“ gezeigt: Neben Waffen und Uniformen konnten die Besucher auch „Militärpapiere“ und „interessante Waffenzerstörungen“ betrachten, für weitere Erläuterungen standen „Sachverständige“ zur Verfügung.

  • Fotografie der Metzgerei Geibig in der Treibgasse, Aschaffenburg

    Wohn- und Geschäftshaus Treibgasse 10 in Aschaffenburg: Schweinemetzgerei Philipp Geibig, um 1920 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht November 1915

    Fleischlose Tage

    Eine gesetzliche Einschränkung des Fleisch- und Fettverbrauchs trat am 1. November 1915 in Form einer Verordnung in Kraft, die das Angebot von Fleischwaren durch Metzgereien und fleischhaltigen Speisen durch Gastwirtschaften an bestimmten Wochentagen untersagte.

    Dies führte zu einer weiteren Einschränkung des Lebensmittelangebots und zur Verteuerung der Grundnahrungsmittel, nachdem im Laufe des Jahres u.a. schon Brotmarken eingeführt worden waren. Die „Aschaffenburger Zeitung“ berichtete regelmäßig von Angebot und Preisen auf dem Wochenmarkt, wo insbesondere Butter so stark nachgefragt war, dass man die Händler durch Absperrgitter vor dem Ansturm der Verbraucher zu schützen versuchte.

    Auch die zahlreichen Metzgereien wurden durch die Lebensmittelbewirtschaftung empfindlich getroffen, denn der sinkende Absatz bedeutete auch geringere Einnahmen. In vielen Fällen befanden sich die Familienbetriebe ohnehin schon in prekären Verhältnissen, weil die Geschäftsinhaber Kriegsdienst leisteten, wie beispielsweise Philipp Geibig, der in der Treibgasse eine Schweinemetzgerei betrieb.

  • Fotografie des Landsturmmanns Josef Spangenberger, 1916

    Fotografie des Landsturmmanns Josef Spangenberger, 1916 (aus: SSAA, Kleine Nachlässe 5)

    Schlaglicht Oktober 1915

    Die Briefe Joseph Spangenbergers an seine Frau Anna

    Josef Spangenberger war im Oktober 1915 im Ludwigshafener Ortsbezirk Mundenheim am Rhein stationiert und schrieb regelmäßig Briefe an seine schwangere Frau Anna und seine Kinder in Aschaffenburg.

    Als sein Schwager Hugo Spatz am 10. Oktober 1915 in Aschaffenburg starb, reichte Josef Spangenberger bei seinem Vorgesetzten ein Gesuch um Urlaub ein, um an der Beerdigung in Aschaffenburg teilnehmen zu können. Der Urlaub wurde ihm nicht gewährt und er schreibt an Anna: „Es tut mir jetzt wirklich leid, nicht nach Hause kommen zu können, denn unsere Vorgesetzten sind wirklich Sauhunde, wie man so sagen kann. Die haben kein bisschen Gefühl im Leib.

    Immer wieder erkundigt er sich nach dem Befinden der Kinder und berichtet über die Versorgungsverhältnisse: Während es beim Militär „alle Tage“ Fleisch gab, musste die Aschaffenburger Bevölkerung mit deutlichen Einschränkungen leben. Dennoch erhielt er von seiner Frau regelmäßig Pakete, die nach Möglichkeit nicht nur Butter, sondern auch Kartoffeln oder Äpfel enthielten und eine willkommene Abwechslung zum militärischen Alltag darstellten.

  • Abbildung des Eisernen Mannes von Aschaffenburg in der Aschaffenburger Zeitung

    Abbildung des Eisernen Mannes von Aschaffenburg in der Aschaffenburger Zeitung, September 1915 (SSAA, zeitungssammlung)

    Schlaglicht September 1915

    Der Eiserne Mann von Aschaffenburg

    Den „Eisernen Mann von Aschaffenburg“ schuf der mit dem Maschinenfabrikant Anton Gentil (1867 – 1951) befreundete Münchener Künstler Ludwig Eberle (1883 – 1956). Er fertigte eine von zwei bayerischen Löwen eingerahmte Ritterfigur aus Eichenholzbohlen an, die heute im Gentilhaus in der Grünewaldstraße aufbewahrt wird.

    Der Erlös aus dem Verkauf der Nägel ging als Spende an die „Nationalstiftung für die Hinter­bliebenen der im Kriege Gefallenen“: Man konnte große goldfarbene zu je 5 Mark, kleine goldfarbene zu je 2 Mark und schwarze Nägel zu je 1 Mark erwerben.

    Wie auch schon in anderen deutschen Städten hatte der Frauenverein des Roten Kreuzes die Aufstellung der Nagelfigur zu Ehren der Gefallenen betrieben. Aus dem lau­fenden Etat der Stadt wurde ein Bretterhäus­chen zur Unterbringung des Nagelmanns und der Kasse am Bahnhofsplatz errichtet.

    Am Sonntag, den 12. September 1915 fand in Anwesenheit von zahlreichen Vertretern der städtischen und staatlichen, zivilen und mili­tärischen Gremien und Behörden sowie der örtlichen Vereine die erste Nagelung des „Eisernen Mannes“ unter reger Anteilnahme der Aschaffenburger Bevölkerung statt.

  • Titelblatt der Kriegsflugblätter August 1915: Der deutsche Greif schwebt über dem englischen Löwen, dem russischen Bären und dem gallischen Hahn.

    Titelblatt der Kriegsflugblätter August 1915: Der deutsche Greif schwebt über dem englischen Löwen, dem russischen Bären und dem gallischen Hahn ( SSAA, Zeitungssammlung)

    Schlaglicht August 1915

    Ein Jahr Weltkrieg

    Zum Jahrestag des Kriegsausbruchs erschien Anfang August 1915 im Beiblatt der „Liller Kriegszeitung“ eine Bilderfolge des Karikaturisten Karl Arnold (1883-1953) unter dem Titel „Kriegsgeschichte 1914 - 1915“. Arnold war zu Beginn des Krieges eingezogen worden und konnte sein zeichnerisches Talent für patriotische, nationalistische und propagandistische Zwecke in den „Kriegsflugblättern“ einsetzen, die bis 1917 etwa 300 Zeichnungen Arnolds veröffentlichten.

    Die „Aschaffenburger Zeitung“ brachte am 2. August 1915 auf der ersten Seite ihrer Mittagsausgabe eine Proklamation Kaiser Wilhelms „An das deutsche Volk“, in der er die Erfolge Deutschlands und seiner Verbündeten hervorhob, vor allem aber auch den Zusammenhalt des deutschen Volkes und dessen Opferbereitschaft beschwor. In diesem Sinne wurden auch die Aufrufe zu den Sammlungen am „Opfertag“ überschrieben: „Opfere Jeder soviel er kann!

    Was der Kriegszustand für den Alltag der Zivilbevölkerung bedeutete, wird beispielhaft an einer Bekanntmachung veranschaulicht, mit der im Mai 1915 ein „Herstellungsverbot, (die) Beschlagnahme und Bestandserhebung für Militärtuche“ geregelt wurde: Bereits kurz nach Kriegsausbruch begann nicht nur die Lebensmittelbewirtschaftung, die die Bevölkerung unmittelbar traf, sondern auch für Gewerbe und Industrie – in diesem Fall für die Aschaffenburg prägende Textilbranche – die Anpassung ihrer Produktion an mangelnde Rohstoffe und Handelswaren.

  • Ein Plakat kündigt für den 25. Juli 1915 einen Dichterabend in Douai an

    Plakat "Deutscher Dichterabend im Stadttheater Douai" 1915 (aus: SSAA, Plakatsammlung)

    Schlaglicht Juli 1915

    Ein Dichterabend in Douai

    Am 25. Juli 1915 fand im Theater Douai ein „Dichter-Abend“ statt, an dem Emil Steger, Direktor des Aschaffenburger Stadttheaters, als Vortragender und die Kapelle des Landsturmbataillons Aschaffenburg beteiligt waren.

    Douai verfügte über einen der ersten Flugplätze Frankreichs, der während des Ersten Weltkriegs als Stützpunkt der Deutschen Fliegertruppe diente. Wenige Kilometer von der Westfront richtete man ein „Fronttheater“ ein, wo für die im Stellungskrieg eingesetzten Militärangehörigen verschiedene Veranstaltungen angeboten wurden. Sie sollten für gute Laune und damit die Stärkung der Kampfmoral, vor allem aber auch für Abwechslung im Kriegsalltag sorgen.

    Emil Steger war seit 1909 am Stadttheater Aschaffenburg tätig und schon gleich zu Kriegsbeginn eingezogen worden. Als Angehöriger des Landsturms war er zunächst im Bezirkskommando mit Verwaltungsaufgaben betraut, ab Ende 1916 dann als künstlerischer Leiter des Deutschen Theaters in Lille. Möglicherweise fiel die Wahl des Kommandos der 6. Armee deshalb auf Emil Steger, weil er sich schon zuvor bei Vorstellungen wie der in Douai bewährt hatte!

  • Ein an Margarete Bachmann adressierter Briefumschlag enthält zwei Edelweiß

    Ein an Margarete Bachmann adressierter Breifumschlag enthält zwei Edelweiß, 1915 (aus: SSAA, Kl NL, 77)

    Schlaglicht Juni 1915

    Einsatz der Aschaffenburger Jäger in Südtirol

    Der Kriegserklärung Italiens gegenüber Österreich-Ungarn folgte der Aufbau einer Frontlinie, die von der Schweizer Grenze über Tirol entlang der Dolomiten, der Karnischen Alpen und des Isonzos bis zur Adriaküste verlief. Zur Sicherung Süddeutschlands entstand aus Spezialeinheiten um einen bayerischen Kern das deutsche Alpenkorps, dem neben dem 1. Jägerregiment auch das Aschaffenburger 2. Bayerische Jägerbataillon und das Reservebataillon 2 angehörten und das noch im Mai 1915 nach Südtirol verlegt wurde. Die Aschaffenburger Einheiten waren im Juni zunächst an Ausbau und Sicherung der Stellungen in den Dolomiten eingesetzt und dann auch an der Abwehr der italienischen Offensiven im Juli und August 1915 beteiligt.

    Bei den Kämpfen am Col di Lana fielen Anfang August neben 20 Tiroler Standschützen auch 69 Jäger, davon allein 25 Männer der 1. Kompanie, der „überhaupt viel Kriegsfreiwillige von Aschaffenburg“ angehörten, wie der Kompanieführer Hock später schrieb. In den Beständen des Stadt- und Stiftsarchivs haben sich in einem Umschlag zwei Edelweiß erhalten, die Josef Bachmann im Sommer 1915 aus Toblach an seine Schwester Margarete sandte - Josef Bachmann war dort in der bayerischen Feldfliegerabteilung eingesetzt.

  • Karteikarte des Kriegsgefangenenlagers Hammelburg für Misak Chatschaturow, um 1915

    Karteikarte des Kriegsgefangenenlagers Hammelburg für Misak Chatschaturow, um 1915 (SSAA, SBZ I 2094)

    Schlaglicht Mai 1915

    Kriegsgefangene in Aschaffenburg

    Ende Mai 1915 trafen die ersten russischen Kriegsgefangenen in Aschaffenburg ein, um während des Krieges zum Bau des Leiderer Hafens und zur Mainkanalisierung eingesetzt zu werden. Nördlich des Parks Schönbusch und der Straße von Aschaffenburg nach Frankfurt war unter der Leitung des Würzburger Militärbauamts wenige Wochen zuvor mit dem Bau eines Kriegsgefangenenlagers begonnen worden. Eine „Beschreibung zum Lageplan“ enthält genaue Angaben zum Aschaffenburger Lager, das für die Dauer des Krieges zur Unterbringung von 2000 Personen diente.

    Ein Vorgang aus dem Jahr 1920 wirft ein Licht auf die Geschichte des Armeniers Misak Chatschaturian: 1893 in der Nähe von Jerewan geboren, wurde er am 28. Januar 1915 in Gumbinnen (Ostpreußen) gefangen genommen und am 14. Mai aus dem oberbayerischen Puchheim ins Kriegsgefangenenlager Hammelburg gebracht. Von dort wurde Misak Chatschaturian 1920 von den Kupfer- und Messingwerken C. Heckmann in Aschaffenburg als „Freiarbeiter“ angefordert. Im Antrag wird seine Anforderung damit begründet, dass der zu dieser Zeit im Betrieb als „Zuschläger“ tätige „russische Kriegsgefangene, der aus Armenien stammt und dessen nähere Verwandten während des Krieges sämtlich umgekommen sind, wünscht in Deutschland zu bleiben.

    Bis 1924 lebte Misak Chatschaturian in Aschaffenburg und Schweinheim, danach mit seiner Familie in Frankfurt/Main.

  • Titelblatt Kriegskochbuch mit Anweisungen zur einfachen und billigen Ernährung, 1915

    Titelblatt eines Kriegskochbuchs mit Anweisungen zur einfachen und billigen Ernährung, 1915 (Landeskundliche Bibliothek, Ls 410)

    Schlaglicht April 1915

    Kochbuch und Kochkiste: Ernährung in Kriegszeiten

    Am 22. April 1915 fand im kleinen Frohsinnsaal auf Einladung des Aschaffenburger Zweigvereins des Bayerischen Frauenvereins im Roten Kreuz ein Vortrag statt, der sich der „Ernährung in der Kriegszeit“ widmete. Die Referentin Luise Acker, die in der „Aschaffenburger Zeitung“ als geprüfte Haushaltungslehrerin vorgestellt wurde, sprach über die „Sparsamkeit in der Küche“ und stellte die Verwendung einer Kochkiste vor.

    Aus dem Haushaltswarengeschäft Hommel in der Herstallstraße stammt die in diesem Monat ausgestellte Kochkiste, deren Gebrauch „nicht nur Feuerungsmaterial, sondern auch Zeit (spart), da bei den in der Kochkiste gargemachten Speisen ein Anbrennen oder Überkochen vollständig ausgeschlossen ist, somit die persönliche Wartung fortfällt“ – so die Formulierung in einem „Kriegskochbuch“ von 1915.

    Praktische Anleitungen zur Herstellung von „Kartoffel- und Polentaspeisen, wie auch billige Fischgerichte“ bot der katholische Frauenbund in „Kriegskochkursen“ an, entsprechende Rezepte wurden auch unter dem Hinweis „Ausschneiden und Aufbewahren!“ in den Zeitungen veröffentlicht.

  • Bezugsmarken für Brot

    Bezugsmarken für Brot (SSAA, Zeitgeschichtliche Sammlung)

    Schlaglicht März 1915

    Die Einführung von Brotmarken

    Nachdem schon im Januar 1915 die Getreide- und Mehlvorräte erfasst worden waren und Weißbrot nur noch eingeschränkt produziert werden durfte, beschloss der Stadtmagistrat im März die Einführung von Brotmarken. Als Teil der öffentlichen Lebensmittelbewirtschaftung sollte die Markenausgabe eine gerechte Verteilung der knappen Brot- und Getreidevorräte ermöglichen.

    Wie die „Aschaffenburger Zeitung“ am 23. März 1915 berichtete, konnte die Einführung der Brotmarken in Aschaffenburg zunächst „infolge der vielen Vorarbeiten nicht in der gewünschten Weise“ erfolgen. Protokolle und Berichte von den Sitzungen des Stadtmagistrats sowie die Reklamation des Getreidehändlers Max Vogel machen die damit verbundenen Maßnahmen deutlich.

    Schon bald danach wurden auch Kartoffel- und Fleischmarken ausgegeben und bis in die 1920er Jahre prägte die Rationierung auch von anderen Konsumgütern durch Bezugsscheine und Lebensmittelmarken das tägliche Leben der Bevölkerung.

  • Briefkopf der Präzisionswerkzeugfabrik Alig und Baumgärtel mit der Abbildung des Firmengeländes, 1915

    Briefkopf der Präzisionswerkzeugfabrik Alig und Baumgärtel, 1915 (SSAA, SBZ I, 2063)

    Schlaglicht Februar 1915

    Beurlaubungen und Zurückstellungen: Der beginnende Fachkräftemangel

    Mit der Verpflichtung der männlichen Bevölkerung zum Militärdienst gingen sowohl den Familienbetrieben in Handwerk und Landwirtschaft als auch in Gewerbe und Industrie die Arbeitskräfte verloren. Dies lässt sich anhand der zahlreichen Anträge auf Beurlaubung und Zurückstellung veranschaulichen, die sich schon bald nach Kriegsausbruch an die städtische Verwaltung richteten.

    Vielfach wird darin die prekäre Lage von nunmehr alleinerziehenden Müttern deutlich, die auf die Hilfe der älteren Generation oder minderjährigen Kindern angewiesen waren, um für den Familienunterhalt aufkommen zu können. Die Situation der Firma Alig und Bäumgärtel macht das Dilemma sichtbar, das der Krieg verursachte: So waren die Männer als Soldaten an den Kriegsschauplätzen eingesetzt und fehlten gleichzeitig als Arbeitskräfte für die Herstellung von Munition und Kampfgerät.

  • Anzeige im Aschaffenburger Anzeiger, 26. Januar 1915: Verschwendet kein Brot! Jeder spare, so gut er kann.

    Anzeige in der Aschaffenburger Zeitung am 26. Januar 1915

    Schlaglicht Januar 1915

    Versorgung mit Brot und Getreide

    Zum Jahresbeginn 1915 wurde für die Aschaffenburger Bevölkerung ein erster Versorgungsengpass spürbar: Die in den Bäckereien und Kolonialwarenhandlungen vorhandenen Getreide- und Mehlvorräte wurden erfasst und die Produktion von Weißbrot eingeschränkt. Bei der Zubereitung von Brot durfte vom 15. Januar an weder ungemischtes Weizenmehl noch Auszugsmehl verwendet werden. In den Aschaffenburger Zeitungen wurde die Bevölkerung mit Anzeigen wie „Eßt K-Brot, denn auch der Kaiser und sämtliche Heerführer essen dasselbe“ oder „In ein deutsches Haus gehört in dieser Zeit kein Kuchen“ zum sparsamen Umgang mit Mehl und Brot aufgerufen.

2014
  • Anzeige in der Aschaffenburger Zeitung, 9. Dezember 1914: Wahlzeit morgen von 10 bis 3 Uhr.

    Anzeiger in der Aschaffenburger Zeitung am 9. Dezember 1914: Wahlzeit von 10 bis 3 Uhr

    Schlaglicht Dezember 1914

    Jede Stimme zählt“: Die Gemeindewahlen im Dezember 1914

    Von den 2900 wahlberechtigten Einwohnern Aschaffenburgs waren rund 900 zum Kriegsdienst eingezogen. Im Oktober 1914 sprachen sich die Gemeindebevollmächtigten und der Stadtmagistrat Aschaffenburgs gegen die Durchführung der Gemeindewahlen aus. Die beiden städtischen Kollegien begründeten einen entsprechenden Antrag beim Staatsministerium des Inneren damit, dass infolge des Krieges das Wahlrecht verkürzt werde und „ein Wahlkampf mit seinen unangenehmen Begleiterscheinungen zu befürchten“ sei. Das Bayerische Innenministerium entschied Ende Oktober 1914, „die heurigen Gemeindewahlen nicht zu verschieben.“ In Aschaffenburg, wo elf Gemeindebevollmächtigte und sechs Magistratsräte zu wählen waren, fanden sie am 10. Dezember 1914 statt.

    Der Abstimmung gingen heftige publizistische Auseinandersetzungen zwischen den Parteien voraus, die den Aschaffenburger Einwohnern immer wieder empfahlen das Bürgerrecht zu erwerben, das für den Eintrag in die Wählerlisten erforderlich war. Von den insgesamt 614 Anträgen, die im Jahr 1914 gestellt wurden, hatte der Stadtmagistrat kurz vor der Gemeindewahl in zwei Sitzungen des Stadtmagistrats am 4. und 7. Dezember 1914 über 500 Bürgerrechtsverleihungen zu entscheiden.

    Die Wahlen hatten eine knappe Mehrheit der Zentrumspartei zur Folge, die bis dahin in beiden städtischen Gremien über eine komfortable Mehrheit verfügt hatte. Das Zentrum stellte nunmehr 17, die Liberalen 13 und die Sozialdemokraten drei Vertreter im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten. Am 19. Dezember 1914 wählten die Gemeindebevollmächtigten schließlich unter der Leitung des Bürgermeisters die neuen Magistratsräte. Der Stadtmagistrat bestand danach aus sechs Angehörigen des Zentrums und fünf Liberalen.

  • Anzeige der Wailandt'schen Druckerei im Aschaffenburger Anzeiger, November 1914

    Anzeige der Wailandt'schen Druckerei im Aschaffenburger Anzeiger am 24. November 1914

    Schlaglicht November 1914

    Feldpost

    Im Zuge der Mobilmachung regelte die Militärverwaltung den Transport von Brief- und Frachtsendungen mit der Feldpost. Lokale Sammelstellen des Roten Kreuzes beförderten „Liebesgaben“ für bestimmte Truppenteile und Heeresverbände an größere Abnahmestellen, wo ganze Wagenladungen zusammengestellt wurden – entweder für Verwundete und Kranke oder für gesunde Militärangehörige.

    Aschaffenburger Kaufhäuser und Geschäfte boten ein auf die „Liebesgaben“ ausgerichtetes Sortiment, denn natürlich wollten die Kunden ihren Angehörigen „im Felde“ nützliche Kleidungsstücke oder erbauliche Literatur per Feldpost zukommen lassen. Umgekehrt erreichten auch Feldpostbriefe und -karten Aschaffenburg, in denen nicht nur vom täglichen Leben in den Kasernen, sondern unter anderem auch von den Kämpfen bei Ypern berichtet wurde.

  • Werbepostkarte des Deutschen Roten Kreuzes, die den Transport eines Verletzten darstellt.

    Werbepostkarte des Deutschen Roten Kreuzes, 1914 (aus: SSAA, SBZ I, 1146)

    Schlaglicht Oktober 1914

    Die Versorgung verwundeter und kranker Soldaten in den Lazaretten Aschaffenburgs

    Die Stadt Aschaffenburg bemühte sich im Oktober 1914 um die Einrichtung eines Lazaretts im städtischen Krankenhaus und begründete dies unter anderen auch damit, dass sich die dort tätigen „Schwestern [...] sehr freuen [würden], wenn sie endlich Gelegenheit fänden, sich fürs Vaterland verdient zu machen.“ Darüber hinaus wollte man damit die vom Roten Kreuz betreuten „Vereinslazarette“ entlasten. Innerhalb weniger Wochen entstanden mit Hilfe von Betten-, Matratzen- und Deckenspenden aus der Bevölkerung acht Unterkünfte im Stadtgebiet, die bis November 1914 zwischen 600 und 800 Patienten aufnehmen konnten.

  • Der Auszug des Aschaffenburger Jägerbataillons, August 1914

    "Abmarsch ins Feld" - Der Auszug des Aschaffenburger Jägerbataillons, August 1914 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht September 1914

    Die Aschaffenburger Jäger an der Westfront

    Mit der Mobilmachung vom 2. August 1914 befand sich das Deutsche Reich im Kriegszustand und zog an seiner Westgrenze sieben Armeen zusammen. Das in Aschaffenburg stationierte 2. königlich bayerische Jäger-Bataillon und das dazugehörige Reserve-Jäger-Bataillon 2 wurden im Verband der 6. Armee in Lothringen eingesetzt.

    In diesem Zusammenhang war das 2. Jäger-Bataillon zunächst der 6. königlich bayerischen Kavallerie unterstellt und unterstützte sie auch bei der Schlacht von Lagarde am 11. August 1914, wo der Jäger Matthäus Lift aus Aschaffenburg fiel. Das Reserve-Jäger-Bataillon war in den ersten Wochen mit unterschiedliche Erkundungs- und Sicherungsaufgaben in Ortschaften und an Bahnstrecken betraut. Ab Ende September waren die Reserve-Jäger südwestlich von Metz in den Stellungskrieg eingebunden, während das 2. Jäger-Bataillon am 19. September 1914 im Verband des Zweiten Bayerischen Armeekorps in Belgien und Nordfrankreich eingesetzt wurde.

  • Plakatwand an der Weißenburger Strasse mit Aushängen zur Mobilmachung im August 1914

    Anschlagtafel an der Weißenburger Straße, August 1914 (SSAA, Fotosammlung)

    Schlaglicht August 1914

    Aschaffenburg macht mobil

    Im August 1914 folgte der Kriegserklärung Deutschlands die sofortige Mobilmachung. Die Bewohner Aschaffenburgs erfuhren davon nicht nur durch die Zeitungen, die über den Ausbruch des Krieges und seine Folgen berichteten, sondern auch durch Aushänge und Bekanntmachungen, die in Schaukästen oder Plakatwänden an den Straßen der Stadt angeschlagen waren. Die Männer im wehrfähigen Alter meldeten sich – zum Teil freiwillig – zum Kriegsdienst, unterzogen sich der Musterung und wurden unterschiedlichen Einheiten zugeordnet.